Meinungsfreiheit
Von Mukadder Bauer
Seit Sarrazin fühlen sich viele berufen, auch endlich mal etwas sagen zu dürfen. Man hat den Eindruck, zuvor in einem totalitärem System gelebt zu haben, dass die Mauer vor zwanzig Jahren nicht gefallen, nein auch noch um den Westen Deutschlands gebaut worden wäre.
Die rassistischen, gewalttätigen und todbringenden Angriffe auf Flüchtlinge und Migranten waren offensichtlich ein Hilfeschrei, endlich auch mal “Ausländer raus” schreien zu dürfen, ohne gesellschaftlich anzuecken. Sie waren ein Kampf für die Meinungsfreiheit.
Dafür muss man Opfer bringen, 137 sind bisher nachgewiesen, wie viele mehr nicht entdeckt worden sind, weiß Niemand.
Das hat sich jetzt verändert, es herrscht Meinungsfreiheit, man modifiziert “Ausländer raus” in “Muslime raus”, da man die guten Minderheiten nicht verschrecken möchte, einem Amerikaner, Franzosen oder Briten kann man diese Aufforderung natürlich nicht anbieten, sie sind ja auch ganz anders, ähnlicher, nützlicher.
Selbst die Rechtsradikalen haben gelernt, dass sich Antisemitismus im Ausland nicht so gut ausnimmt, die Muslime wurden entdeckt. Praktischerweise kann man dadurch unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen zusammen fassen und macht zusätzlich deutlich, dass selbst die deutsche Staatsangehörigkeit nicht hilft, sich zu verstecken.
Einmal Muslim, immer Muslim!
Ja, außerdem kann man durch die Gleichsetzung vom Koran und” Mein Kampf” die eigene Vergangenheit gleich noch relativieren. Dieses Konzept geht auf, nicht nur in Deutschland, Menschen werden kategorisiert nach wirtschaftlichem und ideellem Nutzen.
Fein säuberlich, wie es in Deutschland üblich ist, hat man haarscharf erkannt, dass Sinti und Roma ebenfalls eher wenig gewinnbringend sind, die wenigen Flüchtlinge, die es nach Deutschland schaffen, ebenso wenig. Jetzt kann man guten Gewissens diese Menschen abschieben, die Finger machen sich dann die Länder schmutzig, die sie dann drangsalieren, diskriminieren, foltern und umbringen, Europa verteidigt Menschenrechte eben nur für ihresgleichen.
Holland, Österreich,Belgien, Frankreich, Ungarn, Polen, Rumänien, Italien, Frankreich, Dänemark, Griechenland, Spanien, Deutschland, u.a.
Jetzt sage noch Einer, es gäbe kein einiges Europa!
Die neuen Scharfmacher
Von Eberhard Seidel
Weit über die Hälfte der Deutschen möchten die Religionsfreiheit der Muslime erheblich einschränken, im Osten gar über 75 Prozent. Und 37 Prozent der Bürger hielten es laut einer Umfrage von Infratest-dimap für die ARD für besser, wenn es in der Bundesrepublik keinen Islam geben würde. Die neuen repräsentativen Umfragen belegen einen Rechtsruck. Seit 2004 nimmt die Islamfeindlichkeit zu. Inzwischen droht gar der Verlust der humanen Orientierung.
Parallelen zum Berliner Antisemitismusstreit des 19. Jahrhunderts drängen sich auf. Nach dem Gründerkrach 1873 befand sich das Deutsche Reich in einer großen wirtschaftlichen Depression. Zugleich rang das gerade erst geeinte Deutschland um so etwas wie eine gemeinsam Identität von Preußen und Bayern, von Katholiken und Protestanten. Vor dieser Folie entzündete sich der Antisemitismusstreit. Er wurde von dem Publizisten Heinrich von Treitschke 1879 mit einem Aufsatz eröffnet, der mit den Worten endete: “Die Juden sind unser Unglück!”
Der Historiker Golo Mann hat 1961 in seinem Buch “Über Antisemitismus” treffend beschrieben, worum es beim Antisemitismusstreit ging: “Zugleich mit der Judenemanzipation, der neuen bürgerlichen Angleichung im 19. Jahrhundert, erscheint der neue Antisemitismus. Aber er ist zunächst nicht das, was wir uns darunter vorstellen; er verlangt nicht Ausschließung, sondern völlige Angleichung und Bescheidenheit in der Angleichung; er verlangt Ausschließung nur derer, die sich nicht angleichen wollen.”
Vollständige Assimilation einer religiösen Minderheit, das war die Forderung im Jahre 1879. 130 Jahre später geht es im Islamstreit um Ähnliches. Die Mehrheit der Bürger wünscht eine vollständige Assimilation der Muslime und ein Verschwinden des Islam aus öffentlichen Räumen. “Wer sich nicht bescheidet und anpasst, der soll gehen” – diese verbreitete Haltung ignoriert, dass spätestens mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechtes im Jahr 2000 die Würfel gefallen sind. Millionen Muslime sind Deutsche, der Islam ist organischer Bestandteil der Republik. Dies zu leugnen, ist töricht. Dies ändern geht nur mit Gewalt.
Seehofer, Mißfelder & Co: Luftschlacht über Kackbraun
Da tobt er mal wieder, der Kampf um die Lufthoheit über den Stammtischen. Und Bordschütze Horst Seehofer (CSU) feuert gleich mal aus allen Rohren: “Wir als Union treten für die deutsche Leitkultur und gegen Multikulti ein – Multikulti ist tot.” Soll wohl heißen, die Migranten sollen sich gefälligst assimilieren oder besser gleich verschwinden – es gibt keine Kultur neben der deutschen Leidkultur.
Nein, nix gegen türkischstämmige oder polnische Migranten, wenn sie denn in unserer Nationalelf fleißig Tore schießen, aber ansonsten gilt: Schnauze halten und ducken! Wer hier in Deutschland glaubt, er habe was zu melden, nur weil er seit 30 oder 40 Jahren durch seiner Hände Arbeit dieses Land zu Wohlstand führte, der hat die Rechnung offensichtlich ohne die Seehofers, Merkels und Mißfelders in diesem Land gemacht!
Überhaupt – Stammtisch: Stammtischgerede kennen wir ja seit langem zu Genüge – und die damit einhergehende Verlogenheit und Heuchelei ebenfalls. Man betrachte nur das Geheuchel bezüglich der jüdisch-christlichen Wurzeln unserer Kultur, welche uns immer dann vor Augen geführt werden, wenn es darum geht, Andersgläubige in ihre Schranken zu verweisen.
Doch was passiert denn an den Stammtischen, wenn sich in diesem Lande mal ein Jude zu Worte meldet? Ich habe schon unzählige Male diesen Stammtisch erlebt, wenn die Stimmung hochkocht, weil der Zentralrat der Juden sich zu irgend einem Thema zu äußern wagt: “Können diese Juden nicht endlich mal die Schnauze halten – die wollen doch eh nur unser Geld!” Und überhaupt, unter die deutsche Geschichte – das muss erlaubt sein – muss endlich mal ein Schlussstrich gezogen werden, kann ja wohl nicht angehen, dass uns das Ermorden von Millionen von Menschen heute noch vorgehalten wird.
Die kulturelle Leistung jüdischer Künstler, Schriftsteller oder Musiker heften wir Deutschen uns natürlich gerne ans Revers und auch gegen Filmpreise, die türkischstämmige Regisseure gewinnen, haben wir ja nix, wenn die denn alle ansonsten nur das Maul halten und bloß keine Ansprüche stellen.







